Hinter den Kulissen des EU-Klimaplans

Fifty-Fifty-Gefahr für “mögliche Katastrophe“

CO2-Budgets sind kompliziert. Analysten schätzen jedoch, dass eine Senkung der Emissionen um mindestens 80 Prozent mit Blick auf die Zwei-Grad-Grenze lediglich eine 50/50-Chance auf Erfolg bieten würde. Das ehrgeizigste Ziel des Pariser Abkommens, eine Begrenzung auf 1,5° C, würde bis spätestens 2050 Netto-Null-Emissionen erfordern, um wenigstens die gleiche Chance von 50/50 zu haben. Alex Mason vom WWF Europa warnte, dass „viele Politiker schon mit einer 50/50-Chance, mögliche Katastrophen zu vermeiden, zufrieden zu sein scheinen. Es ist, als würde man russisches Roulette mit nur zwei Kammern im Revolver spielen; oder mit einer Fluggesellschaft fliegen, die in nur 50 Prozent der Fälle sicher landet.“ Mason fügte hinzu, es sei „geradezu verblüffend“, dass das derzeitige 80-Prozent-Ziel der EU von einigen in der Generaldirektion CLIMA tatsächlich als „akzeptabler Beitrag“ zum Erreichen der Pariser Ziele angesehen werde. Dementsprechend kommt der WWF-Vertreter auch zu dem Schluss, dass „die Untätigkeit der Generaldirektion in der Vergangenheit oft Teil des Problems und nicht Teil der Lösung war. Hoffentlich werden sich bei diesem äußerst kritischen Thema endlich diejenigen, die die Notwendigkeit mutiger Maßnahmen verstehen, durchsetzen können.“

IPCC-Bericht

Am 09.10.2018 veröffentlichte der Weltklimarat IPCC die endgültige Version seines ausführlichen Berichts (siehe solarify.eu/sputet-euch) über die möglichen Auswirkungen einer Erwärmung um 1,5° C auf den Planeten. Obwohl der IPCC feststellte, dass das verbleibende CO2-Budget (also die Menge der Emissionen, die wir produzieren dürfen, bis  die 1,5-Grad-Grenze überschritten wird) etwas größer ist als zuvor prognostiziert, unterstreicht der Bericht auch, dass eine Erhöhung um 2° C noch verheerender ausfallen könnte als bisher angenommen. Die Experten kommen außerdem zu dem Schluss, dass sich die Welt derzeit eher auf dem Weg zu einer Erwärmung von 3° C befindet.

Diese Ergebnisse könnten wiederum der EU-Kommission nun den nötigen Schub geben, um für eine Netto-Null-Strategie zu plädieren. Bereits eine Klimaerwärmung von 2° C dürfte nämlich einen weitaus stärkeren Einfluss auf die Ernteerträge, den Anstieg des Meeresspiegels, die Häufung starker Niederschläge und das Absterben der globalen Korallenriffe haben, als 1,5° C. Tatsächlich bezieht sich die Kommission in einem Entwurf zur Klimastrategie 2050, den EURACTIV einsehen konnte, auf den aktuelen IPCC-Sonderbericht und kommt zu dem Schluss, dass es „nach dem Vorsorgeprinzip besser wäre, frühzeitig Ehrgeiz zu zeigen“. Schließlich könne sich im Laufe der Verhandlungen mit den EU-Staaten erneut „herausstellen, dass die Budgets wieder nach unten korrigiert werden.“

Zehn EU-Länder haben sich bereits zu einer Klimaneutralitätszusage verpflichtet, darunter Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Diese Erklärung zielt jedoch nur auf Klimaneutralität „in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“ ab. Grüne Aktivistengruppen hingegen äußerten sich besorgt darüber, dass das Erreichen von Netto-Null-Emissionen im Jahr 2050 schon zu spät sein könnte. Außerdem tobt eine heftige Debatte darüber, ob es akzeptabel wäre, die 1,5-Grad-Grenze zu überschreiten und dann sogenannte „negative Emissionstechniken“ wie Kohlenstoffsenken und Kohlenstoffabscheidung einzusetzen, um die Temperaturen wieder abzusenken.

Europäische Führungsambitionen

Seit Donald Trump beschlossen hat, die Vereinigten Staaten zum frühestmöglichen Zeitpunkt aus dem Pariser Abkommen austreten zu lassen, ist Europa bestrebt, sich als Führungskraft in der globalen Klimapolitik zu etablieren. Dieses Ziel wurde auf dem Gipfeltreffen Global Climate Action in San Francisco von einer Delegation des Europäischen Parlaments bekräftigt, welche die derzeitige Führungslücke als „eine Belastung für den UNFCCC-Prozess“ bezeichnete. Der Klimaschutz wird inzwischen auch von einer Reihe fortschrittlicher Industrien sowie von Umweltschützern als eine „einmalige Gelegenheit“ hervorgehoben, Europa einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, indem Technologien und Know-how für saubere Energie entwickelt und exportiert werden.

Im Vorfeld des EU-Umweltministertreffens am 08.10.2018 hat sich die Unternehmer-Vereinigung Prince of Wales Corporate Leaders Group in einem offenen Brief für Netto-Null-Emissionen bis „spätestens“ 2050 ausgesprochen. Zu den Mitgliedern der Gruppe gehören unter anderem die Energieriesen edf und Iberdrola sowie der Lebensmittelkonzern Unilever. In konservativeren Ansätzen, sowohl innerhalb der EU-Institutionen als auch im Rest der Industrie, wird hingegen davor gewarnt, dass Europa am Ende „den guten Kampf“ allein führen könnte: Eine kostspielige Energiewende würde keinen Sinn ergeben, wenn der Rest der Welt dem Beispiel der Europäer nicht folgt.

Tatsächlich ist Europa für nur 10 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich – ein Wert, den Kritiker des Netto-Null-Ziels gerne heranziehen, um zu zeigen, dass es eine Grenze dafür gibt, was die EU allein erreichen kann. Der aktuelle Anteil Europas an den Emissionen ist jedoch nur ein Teil des Gesamtbildes. Historisch gesehen ist der Kontinent nämlich nach wie vor der zweitgrößte Emittent, direkt nach den Vereinigten Staaten.

Folgt: Kritik an der EU-Kommission